“Nie mehr Offshore Outsourcing?” – Was der IT-Einkauf aus der Offshore-Welle gelernt hat

Die deutsche IT-Branche hatte die letzte Wirtschaftskrise 2008 größtenteils unbeschadet überstanden – ein paar Budgets waren wohl eingefroren und für ein paar Monate war man nicht mehr ganz so gut gelaunt in der Beauftragung. Im Großen und Ganzen jedoch ist die IT glimpflich davon gekommen. Umso erstaunlicher der Effekt nach der Krise: Warum startete die Branche nicht so zügig durch wie man es erwartet hätte? August-Wilhelm Scheer, der Präsident des BITKOM, hat es auf den Punkt gebracht: Die IT-Branche ist direkt vom Auftragsstau in den Fachkräftemangel gerutscht – es sind schlicht und einfach nicht genug Entwickler und Experten vorhanden, um die eigentlich durchaus vorhandene Arbeit zu erledigen! Laut BITKOM nennen auch heute noch rund zwei Drittel der deutschen IT-Unternehmen den Fachkräftemangel als Wachstumsbremse.

Es handelt sich dabei – das hat insbesondere die Zeit NACH dem Krisenjahr 2008 gezeigt – um ein strukturelles Problem des deutschen Arbeitsmarktes, und nicht etwa „nur“ um eine Frage der Konjunktur. Das bedeutet: Auch in der Krise waren die Kapazitäten zu gering – aber erst beim Wiederaufschwung haben wir dann die Konsequenz des Fachkräftemangels schmerzhaft zu spüren bekommen!
Ruhig Blut, sagen die Regierungsverantwortlichen, und tun eigentlich das Richtige: Sie modernisieren die Zuwanderungsregeln für hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland, und sie reformieren das Bildungssystem, um unsere Schüler, Studenten und Fachkräfte besser auf die Herausforderungen einer globalisierten Wirtschaft vorzubereiten. Hilft das dem deutschen Unternehmer, der heute unter dem strukturellen Fachkräftemangel leidet? Ja – aber leider nur langfristig. Gibt es kurzfristig wirksame Alternative? Ja – und diese zu nutzen, ist längst von einer Optimierungs- zu einer Überlebensstrategie geworden. Es geht darum, Fachkräfte im Ausland effizient in die eigene Wertschöpfung einzugliedern. Und zwar dergestalt, dass am Ende eine schlanke, effiziente und profitable Wertschöpfung entsteht – und so eine globale Wettbewerbsfähigkeit für den IT-Standort Deutschland.

Auf dem Weg zu einer solchen Einbindung liegen nicht nur die fachlichen Herausforderungen (wie sie jeder externen Vergabe innewohnen) sondern auch noch zusätzliche Hürden: Meist gibt es eine gewisse Sprachbarriere, die Zeitverschiebung erschwert das operative Miteinander und die kulturelle Distanz ist vielleicht schwieriger zu überwinden, als man es sich zunächst vorstellte. Durch eine Orientierung nach Osteuropa – und nicht mehr ins ferne Asien – sind zumindest die beiden letztgenannten jedoch gut in den Griff zu bekommen. An Englisch als globaler Amtssprache in der IT führt tatsächlich kein Weg vorbei – gleichwohl sind überall in Osteuropa durchaus auch deutschsprachige Ressourcen zu finden.

Neben diesen operativen Aspekten stehen die fachlichen Kriterien: Ist ein IT- Dienstleister auf Augenhöhe zu finden, der die anstehende Kundenbeziehung ernst nimmt – aber nicht sein gesamtes Geschäft darauf ausrichten muss? Ist er fachlich kompetent und kann solide Referenzen aus relevanten Branchen vorlegen? Wie weit entfernt ist er vom Auftraggeber – sowohl was die geografische Lage angeht, als auch die Prozessorientierung, den Reifegrad des Unternehmens, die Atmosphäre auf den Gängen und in den Büros? Passen die Unternehmenskulturen zueinander?

Dem IT-Einkauf wird zunehmend die Rolle zuteil, den Fachabteilungen den richtigen Mix aus Dienstleistern zur Verfügung zu stellen. Dabei spielt heute die Einbindung internationaler Anbieter gerade im Bereich der IT-Services über die ganze Wertschöpfungskette (Design, Entwicklung, Programmierung, Testing, Rollout, Wartung, Support) eine wichtige Rolle – nur so kann wettbewerbsfähig kalkuliert werden. Die Mischkalkulation aus eigenen und fremden, inländischen und globalen Kapazitäten gehört heute selbstverständlich zum Repertoire des Einkäufers von IT-Services. Die Fachabteilung verlässt sich darauf, dass dieser Mix zur Verfügung gestellt wird – insofern hat Global Sourcing Züge von Infrastruktur bekommen – und wird als selbstverständlich vorausgesetzt, ohne dass sich auf Abnehmerseite (also: in der Fachabteilung) jemand mit den Details des globalen Dienstleistungseinkaufs auseinandersetzen müsste.

Das dabei heute eher nach Osteuropa geschaut wird als nach Asien, ist der in Osteuropa florierenden Softwareszene geschuldet – wer sich intensiv mit der IT-Dienstleistungsbeschaffung in Osteuropa beschäftigt, wird in fast allen Bereichen kompetente und seriöse Anbieter finden, die in anderthalb Stunden Flug erreichbar sind und annähernd in derselben Zeitzone wie der deutsche Auftraggeber arbeiten.
Die generelle Diskussion in der globalen Beauftragung verlagert sich dabei immer weiter weg von reinen Einsparungszielen – billig ist „out“, das haben die Einkäufer aus der Offshorewelle zu Beginn des Jahrtausends gelernt. Ein kompetenter Partner liefert mehr als nur billige Lohnprogrammierer – er kann auf Augenhöhe mit gestalten und seine ganze Erfahrung aus Dutzenden von Projekten in den verschiedensten Konstellationen mit einbringen – frischen Wind also, der ohne die Verbindung zu Dienstleistern in den globalen Software-Destinationen wohl ganz am Standort Deutschland vorbeiwehen würde.

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